Teil eines Werkes 
3. (1858) Die Erben / von Max Ring
Entstehung
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Mit ſcheuen Schritten und klopfendem Herzen erreichte ſie die Straße, wo an einem Vorſprunge gelehnt der Geliebte ſie bereits erwartete. Noch war es nicht Tag geworden, im Oſten ſchimmerte ein roſiger Purpurſtreif, der den Auf⸗ gang der Sonne verkündigte. Alles war ſtill, die Häuſer und Läden geſchloſſen, kein Menſch weit und breit zu ſehen, kein Geräuſch ließ ſich hören, nur ein gefangener Vogel, der in ſeinem Bauer vor einem Fenſter hing, grüßte ſie mit ſeinem ſchmetternden Geſang. Arm in Arm verließen ſie die Stadt und wanderten zum Thore hinaus; die Schild⸗ wacht vor demſelben, ein rothbäckiger, munterer Burſche, ſchaute ihnen nach und rief ihnen lachend„viel Vergnügen!“ zu; er hielt ſie für ein frohes Liebespaar, das den ſchönen Morgen im Freien vergnüglich zubringen wollte. Ihre bleichen, ſchmerzdurchwühlten Züge waren ihm nicht auf⸗ gefallen; er hätte wohl ſonſt vielleicht Lärm geſchlagen, wenn ihm ihre Abſicht bekannt geworden wäre. Ungehin⸗ dert gelangten ſie hinaus in den herrlichen Park, der den größten Theil der Reſidenz umgab und von den Spazier⸗ gängern der eleganten Welt fleißig beſucht wurde. Dieſe aber ſchliefen noch zu ſo früher Zeit und Niemand begeg⸗ nete ihnen, nicht einmal einer von den angeſtellten Arbei⸗ tern. Auf dem Raſen lag noch der friſche Thau wie ein grauer Perlenſchleier und von dem grünen Laub der Bäume ſchüttelte der Morgenwind die fallenden Tropfen auf ihre