200
Thräne fiel auf das Papier und löſchte hier und da einen Buchſtaben aus.
Das Schwerſte war für ſie gethan; ſie kniete nieder und betete, indem ſie zu Gott ſich wandte und ihn anflehte, ihr ein milder Richter zu ſein. Angekleidet, wie ſie war, erwartete ſie auf ihrem Bette wachend den Morgen, der zur Ausführung der That beſtimmt war, ohne davor zu⸗ rückzuſchrecken, ohne die geringſte Furcht vor dem Tode, dem ſie entgegenging. So bald die Nacht verſchwand und die erſten Spuren der Morgendämmerung ſich am Himmel zeigten, verließ ſie ungeſehen das Haus, welches ſie mit dem Schlüſſel öffnete, in deſſen Beſitz ſie ſich noch am Abend zu ſetzen wußte. Leiſe auf den Zehen ſchlich ſie an den Betten der Kinder vorüber, denen ſie ein ſtummes Lebewohl mit weinenden Augen ſagte, und die ſie niemals wieder zu ſehen hoffte. Den Brief an ihre Eltern legte ſie im Wohnzimmer auf den Tiſch, ſo daß er dem Vater beim Exwachen ſogleich in die Augen fallen mußte Als ſie an der Schlafkammer der Eltern vorüberkam, erfaßte ſie ein banger Schauer, ihre Kniee bebten, ihre Thränen floſſen reichlicher und einen Augenblick ſchwankte das arme Kind, indem es an die Schmerzen dachte, welche ſie ihnen zu bereiten im Begriffe ſtand. Aber der Gedanke an die verhaßte Verbindung und an ihr Verſprechen, daß ſie Guſtav gegeben, ſiegten über ihre aufſteigenden Bedenken.


