Teil eines Werkes 
3. (1858) Die Erben / von Max Ring
Entstehung
Einzelbild herunterladen

195⁵

„Zu Hülfe!“ ſchrie das Mädchen laut.

Im nächſten Augenblick ſah ſich der Aſſeſſor von zwei kräftigen Fäuſten gepackt, gegen die er ſich umſonſt zu wehren wagte; es waren ehrliche, derbe Arme, durch die Arbeit abgehärtet und geſtählt. Mit einem Griff ſchleu⸗ derte der Angreifer den Mädchenjäger fort, welcher ohne⸗ hin nicht auf feſten Füßen ſtehend, ſtolpernd niederfiel, ſich wieder aufraffte und fluchend ſeinen Rückzug antrat. Jetzt erſt ſah ſich Hannchen nach ihrem Retter um; ſie hätte vor Schreck in die Erde ſinken mögen; denn die wohlbekannte Geſtalt des Sattlers ſtand vor ihr im hellen Mondenſchein. Beide ſtarrten ſich an, als hätten ſie ſo eben ein Geſpenſt geſehen, und keiner vermochte längere Zeit nur ein Wort hervorzubringen.

„Biſt Du es?“ fragte ſie endlich leiſe.

Wohl hatte ſie Urſache, ſo zu fragen, denn ſein Aus⸗ ſehen hatte ſich dermaßen verändert, ſeit ſie ihn zum letzten Mal geſehen, daß ſie ihn kaum wiedererkannt hätte. Seine bleichen, hohlen Wangen, die eingefallenen Augen, das verwilderte Ausſehen und ſeine vernachläſſigte Kleidung verriethen ihr, was er gelitten, um ſie allein gelitten hatte. Die Paſſionsgeſchichte ſeiner Liebe ſtand deutlich in ſeinem Geſichte geſchrieben und ſie konnte kaum ihre Thränen zurückhalten, als ſie ihn ſo elend wiederfand. Mit einem Male ſchlug die Liebe, welche Beide ſchon erloſchen wähnten,

13*