Teil eines Werkes 
3. (1858) Die Erben / von Max Ring
Entstehung
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zu erfüllen. Sie bemühte ſich, den Widerwillen, welchen ſie gegen ihn unwillkürlich empfand, zu überwinden, ſeine Liebe mit wenigſtens duldender Freundlichkeit zu erwiedern und zeigte ſchon jetzt die Tugend, welche die meiſten Frauen in einer Ehe ohne Liebe üben müſſen und ſollen, demüthige Ergebung in ihr Geſchick.— Dem Anſchein nach war das Glück und der Friede wieder in die Familie des Kaſſen⸗ boten zurückgekehrt, aber dieſe Ruhe glich nur der ſchwülen Stille vor dem Ausbruche eines gewaltigen Sturmes. Je näher der Tag ihrer Hochzeit heranrückte, deſto trau⸗ riger wurde Hannchen wieder; ſie brachte die Nächte ohne Schlaf zu und wenn ſie ſich unbemerkt glaubte, ſtanden ihre ſchönen Augen voll Thränen. Sie war bereits zwei⸗ mal von der Kanzel herab aufgeboten worden; in wenigen Tagen ſollte die Trauung ſtattfinden; die Mutter hatte alle Hände voll zu thun und die Braut noch Manches zu beſorgen, was ihr an der Ausſtattung fehlte. Jetzt wurde ſie auch nicht mehr ſo ſtreng wie früher bewacht und ge⸗ hütet, weil die Ihrigen das Verhältniß mit dem Sattler für gänzlich abgebrochen hielten; ſie konnte gehen, thun und laſſen, was ſie wollte. Eines Abends, als ſie eben von einer Freundin kam, welche ſie gebeten hatte, ihre Brautjungfer zu werden, ging ſie wieder allein durch die menſchenleeren Gaſſen. Sie hatte ſich verſpätet und eilte jetzt mit ſchnellen Schritten, weil es eine abgelegene Gegend

.1858. XVI. Neue Stadtgeſchichten. III. 13