Teil eines Werkes 
3. (1858) Die Erben / von Max Ring
Entstehung
Einzelbild herunterladen

192

Lippen und verſtummte, weil er ſie nicht aufbringen wollte; denn trotz aller Blaſirtheit liebte er ſie, wie er eben zu lieben im Stande war. Grade ihre Kälte und der Wider⸗ ſtand, den ſie ſeinen Bewerbungen entgegenſetzte, reizte ihn, ſowie ihre körperliche Schönheit ſeine Sinnlichkeit entflammte. Deshalb ließ er auch jetzt das ihr unan⸗ genehme Geſpräch fallen, wofür ſie ihn durch ein dankbares Lächeln und ihr hingebendes, ſanftes Weſen und Benehmen belohnte. Seit dem Spaziergange ſchien überhaupt eine wohlthätige Veränderung mit ihr vorgegangen zu ſein; ſie ergab ſich in ihr Geſchick mit vermeintlicher Ruhe und wer ſie ſo ſah, konnte ſie wohl für eine glückliche und zufriedene Braut halten. Sie ſelbſt nahm ſich nach dieſem Zuſam⸗ mentreffen mit Guſtav vor, jeden Gedanken an ihn muthig zu bekämpfen; was ſie auch wirklich that, ſo weit dies möglich war. Früher war ſie bereit geweſen, für ihn und mit ihm zu ſterben, wenn er es verlangt hätte; jetzt aber, wo er ſich nach ihrer Meinung nur allzuſchnell getröſtet hatte, trug ihr geſunder und kräftiger Verſtand über die blinde Leidenſchaft den Sieg davon, ſie glaubte wenigſtens vollkommen geheilt zu ſein und wollte von nun an nur für ihre Eltern und Geſchwiſter leben. Ihnen brachte ſie ſich zum Opfer dar, indem ſie den ihr widerwärtigen Couſin zum Manne nahm; dennoch hoffte ſie, ihm eine treue Frau zu ſein und vollkommen alle ihre Pflichten ihm gegenüber