Teil eines Werkes 
3. (1858) Die Erben / von Max Ring
Entstehung
Einzelbild herunterladen

187

der ſchlimmſte, weil er ſich erſtlich mit dem Anſehen der göttlichen Autorität bekleidet und ein gut erzogenes und gehorſames Kind ſich nur in den äußerſten Fällen dagegen aufzulehnen wagt. Ein Tropfen erweicht wohl auch einen Stein, geſchweige die fortwährenden Reden einer Mutter das Herz einer Tochter, die von Jugend auf an Liebe und Unterwürfigkeit gewöhnt war. Was Drohungen nicht vermögen, das thun die Bitten und wo Vorwürfe nicht helfen wollen, da wirken Thränen. An all dieſen Mitteln ließ es aber die Kaſſenbotin nicht fehlen; ſie peinigte, predigte, ſchalt, bat, quälte und drängte ſo lange, bis das arme Mädchen keine andere Rettung ſah, als ſich vorläufig in ihr Geſchick zu ergeben. Der Gedanke aber ſtand ganz feſt bei ihr, daß ſie den Hochzeitstag nicht überleben wolle, mit dieſem täglich klarer werdenden Entſchluſſe kehrte ein ſchon lange nicht gekannter Friede in ihr Herz zurück; ſie wurde ſogar heiter und täuſchte vollkommen ihre Um⸗ gebung, ſo wie ihren Bräutigam, ohne daß ſie ſich dieſer Abſicht bemußt geworden war. Ihre frühere Laune ſchien zurückgekehrt zu ſein; ſie konnte mitunter auch wieder lachen, obwohl ein eigenthümlich wehmüthiger Zug in ihrem Geſichte vorherrſchte. Den Sattler hatte ſie ſeitdem nicht mehr geſprochen, ſo dringend er auch auf eine Unter⸗ redung mit ihr beſtand. Sie fürchtete nämlich ſeine Hef⸗ tigkeit und noch mehr ihre eigene Schwäche, deswegen