Teil eines Werkes 
3. (1858) Die Erben / von Max Ring
Entstehung
Einzelbild herunterladen

14

verlebt ein derartiger Patient. Sein Auge fällt nur auf gleichgültige oder widerliche Züge; nur der Eigennutz be⸗ zahlter Diener tritt ihm in widerwärtiger Geſtalt ent⸗ gegen. Nach und nach wurde die Kranke immer ſchwächer, ihre Gedanken verwirrten ſich, Stunden lang ſprach ſie mit der todten Schweſter; die einzige Geſellſchaft, welche ihr übrig blieb, war ein Phantom.

Ich komme! rief ſie der Abgeſchiedenen zu und mit einem Lächeln in dem verwitterten Geſicht war ſie geſtorben. Die Wärterin drückte ihr die offen ſtehenden, gläſernen Augen zu und kreuzte die ſtarren Arme der Todten auf der Bruſt. Der Rechtsanwalt, welcher ſogleich von dem Ab⸗ ſcheiden des alten Fräuleins benachrichtigt worden war, machte die nöthige Anzeige beim Gericht. Am andern Morgen erſchienen die dazu beauftragten Perſonen und verſiegelten alle Schränke und Schubfächer in der Woh⸗ nung. Die Leiche wurde in einen koſtbaren Sarg gelegt und in Begleitung der Wärterin und des Doctors auf dem Kirchhof in derſelben Gruft beigeſetzt, wo bereits die vor⸗ angegangene Schweſter ruhte. Keine Thräne floß bei der Beſtattung, nur die dicke Wärterin bemühte ſich, gerührt auszuſehn. So waren nun beideTodtenfräulein geſtor⸗ ben und auch bald vergeſſen, nur der wunderliche Name lebte fort in dem Gedächtniſſe der Nachbarſchaft. Sie hatten indeß ein bedeutendes Vermögen hinterlaſſen; die