Teil eines Werkes 
2. (1858) Der Waisenknabe / von Max Ring
Entstehung
Einzelbild herunterladen

197

bläſſe bedeckte bei dieſer Entdeckung das Geſicht des Wai⸗ ſenvaters, welches förmlich aſchgrau wurde; an die Stelle der früheren Frechheit trat jetzt bei ihm der höchſte Grad von Niedergeſchlagenheit und feiger Zerknirſchung.

„Machen Sie mich nicht unglücklich,“ flehte er leiſe. „Ich will auch gegen Sie erkenntlich ſein. Tauſend Tha⸗ ler, wenn Sie mir geſtatten, dieſe unglückſeligen Papiere zu vernichten.“

„Elender Schurke,“ rief der entrüſtete Beamte.„Wie

dürfen Sie es wagen, mirein derartiges Anerbietenzumachen. Ich ſehe mich genöthigt, dieſen Beſtechungsverſuch als einen neuen Beweis Ihrer Schuld zu Protokoll zu nehmen.“

„Um des Himmels Willen!“ rief der geängſtigte Waiſenvater, indem er ſeine Hände verzweiflungsvoll rang, „verzeihen Sie mir, ich weiß ja nicht, was ich ſage; ich bin unzurechnungsfähig. Schonen Sieeinen armen, unglücklichen Familienvater und machen Sie mich nicht noch elender, als ich ohnehin ſchon bin. Bedenken Sie, daß, wenn ich auch gefehlt habe, ich dafür auch Verdienſte um die Menſchheit habe. Wie viele arme, verwahrloſte Waiſen verdanken mir nicht allein ihre Exiſtenz. Wenn mich Alles auch verdammt, ſie werden mich freiſprechen und mein Anden⸗ ken ſegnen.“

Dabei floſſen die allzeit fertigen Thränen der Rüh⸗ rung über ſeine Wangen und ſeine Sprache klang ſo pathe⸗