Teil eines Werkes 
2. (1858) Der Waisenknabe / von Max Ring
Entstehung
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fühlten. Als die Pflegemutter zurückkam, welche aller⸗ dings noch immer zweifelhaft war, was ſie thun ſollte und ſich bei der ganzen Nachbarſchaft Rath erholen ging, war das Neſt leer und die Vögel bereits ausgeflogen. Mit einer ſchon lange entbehrten Seligkeit, die nur der volle Genuß der Freiheit gewährt, ſtreiften die Jungen durch die Straßen, als wäre die ganze Hauptſtadt ihr Eigenthum und ihnen geſchenkt. Mit welcher Wonne trieben ſie ſich ohne jede Beſchäftigung herum, wie oft blieben ſie nicht hier vor einem Bilderladen, dort vor einem Schaufenſter ſtehn. Mit welch lüſternen Augen liebäugelten ſie auf dem Markt mit den rothen Kirſchen und duftenden Erdbeeren; welche Liebesblicke warfen ſie nicht dem Korbe der Kuchenfrau zu, den Geruch der friſch gebackenen Schmalzkuchen und der braunen Brezeln mit weit geöffneten Nüſtern einſchlürfend und ſich daran we⸗ nigſtens halb ſättigend. Was hatten ſie nicht Alles zu ſehn und zu bewundern, hier eine Vogelhecke, welche der Mann mit der gebogenen Naſe feil hielt, der ſelber ſeinen Vögeln ähnlich ſah; dort die gemalte Ankündigung einer ſo eben erſt eröffneten Menagerie, worauf der Beſitzer abgebildet war, wie er höchſt muthig ſeinen Kopf in den Rachen eines grimmigen Löwen ſteckte, während ſeine holde Frau ſich eine gräuliche Schlange um die weißen Arme und den Nacken als Halskette und Armband legte,