Teil eines Werkes 
2. (1858) Der Waisenknabe / von Max Ring
Entstehung
Einzelbild herunterladen

*

42

ähnliche Kleinigkeiten zu ſorgen. Aus Liebe zur Menſch⸗ heit unterließ ſie häufig ihre nächſten Pflichten und vor lauter Wohlthätigkeit vernachläſſigte ſie, ihrer eigenen Familie wohlzuthun. Daher kam es wohl auch, daß ihre Tochter Lieschen eine ſo wilde Hummel wurde; was dieſer aber gar nichts ſchadete, ſondern beſſer ſtand, als wenn ſie durch allzuviel Erziehen ſo eine geſchraubte, geleckte, ſteife, freud⸗ und gemüthloſe Demoiſelle geworden wäre, wie an⸗ dere Mädchen in ihrer Lage. Wenn die Baronin nur ihren Namen als bekannte Wohlthäterin regelmäßig jede Woche in den Zeitungen fand; von Zeit zu Zeit an dem Thee der Fürſtin Theil nehmen durfte, und von allen Armenvorſtehern, Waiſenvätern, Lehrern und Almoſen⸗ empfängern mit der gebührenden Ehrfurcht gegrüßt und angeredet wurde, ſo war ſie hinlänglich für alle ihre An⸗ ſtrengungen und Opfer belohnt.— Gar zu gern griff ſie in das Schickſal der armen Leute ein, wobei ſie es liebte, die Rolle der Vorſehung zu übernehmen, unbekümmert um die oft keineswegs günſtigen Folgen. Zuweilen ver⸗ ſchwendete ſie an wirklich Unwürdige nicht unbedeutende Gaben, oder ſie wandte dieſelben ſo an, daß ſtatt des ge⸗ hofften Segens den Dürftigen nur umgekehrt ein weit größeres Uebel daraus erwuchs. Dann klagte ſie wohl, wenn ſie auf Widerſtand ſtieß, über den ſchreiendſten Un⸗ dank, weil ſie trotz aller Bildung die einfache Wahrheit