Teil eines Werkes 
2. (1858) Der Waisenknabe / von Max Ring
Entstehung
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Lieschen wußte in der That nicht, ob ſie ſich mehr über den eben erhaltenen Kuchen, oder über das Verſchwin⸗ den ihrer Aufpaſſerin freuen ſollte. Den Kuchen beſchloß ſie ſogleich mit ihrem Freunde zu theilen. Kaum hatte die Gouvernante ihr den Rücken gewendet, ſo ſtürzte ſie ſchon wieder an das Fenſter.

„Wilhelm!“ rief ſie vorſichtig, damit ſie Niemand außer ihm hören konnte.

Aber kein Wilhelm war zu ſehen und zu hören. Das lange Ausbleiben der Pflegemutter hatte den immer bedeu⸗ tenden Appetit des Jungen in einem Grade geſchärft, daß er eine Befriedigung deſſelben für das nothwendigſte Be⸗ dürfniß ſeines Lebens hielt. Er ſah ſich deshalb in dem Zimmer um und ſein Auge fiel auf den Vorrathsſchrank, der aber zu ſeinem größten Leidweſen verſchloſſen war. Ganz in Gedanken verſunken, wie demſelben beizukommen ſei, überhörte er die Stimme ſeiner Freundin. Dieſe ließ ſich jedoch nicht abhalten, noch einen zweiten Verſuch zu wagen; ſie ſpitzte ihr zartes Mündchen und pfiff wirklich mit der größten Virtuoſität dieſelbe Melodie, welche ſie von Wilhelm gelernt hatte. Dem Zauber war nicht zu wider⸗ ſtehn und mit einem Satze ſtand er am Fenſter, das dem ihrigen gegenüber lag, da beide auf den Hof hinaus gingen.

„Was giebt's?“ fragte er neugierig.

„Willſt Du Kuchen haben?“