30
ſollte, wo ihr die Kraft zum Arbeiten fehlen würde. Wo⸗ von ſollte ſie dann leben und die Koſten ihrer Beerdigung beſtritten werden? Sie ſchauderte vor dem Gedanken, auf dem Armenkirchhof einmal in einem Naſenquetſcher begra⸗ ben zu werden. Wenigſtens einen anſtändigen Sarg wollte ſie haben und wenn ſie ſich auch das Brod vom Munde dafür abdarben müßte. Wozu hätte ſie denn gelebt, wenn ſie nicht einmal mit dem Troſte ſterben durfte, daß man ihrer Leiche die letzte Ehre anthun und nicht in die allge⸗ meine Grube, ohne Sang und Klang werfen würde. So dachte die Arme, wie die Meiſten in ihrem Stande und in ihren Verhältniſſen, deren letzte Ausſicht ein anſtändiges Begräbniß bleibt. Die Thränen ſtanden ihr in den Augen, als ſie ſah, daß ihr keine Wahl mehr übrig blieb und ſie entweder den Jungen, oder den Troſt ihres Alters aufge⸗ ben mußte.
„Ich will ja gern,“ ſagte ſie nach einer ſchmerzlichen Pauſe,„Alles thun, was Sie wünſchen, und den Jungen fortgeben, wenn ich nur weiß, daß er nicht in's Arbeitshaus kommt und er ein einigermaßen erträgliches Unterkommen findet. Das halte ich für meine Pflicht und dazu hab' ich ihn zu lieb, um ihn nicht ſo ohne Weiteres in ſein Elend hinaus zu ſtoßen. 74
„Nun, nun,“ entgegnete Herr Roſenbergi im milderen Tone,„ich bin auch kein Unmenſch und, wie ich glaube, ein


