Teil eines Werkes 
2. (1858) Der Waisenknabe / von Max Ring
Entstehung
Einzelbild herunterladen

26

Beſitz des ihm anſtehenden Neſtes zu ſetzen, das er ohne weitere Mühe zu erobern hoffte. Mit den unbeholfenen Jungen glaubte er bald fertig zu werden und im Nothfall war er entſchloſſen, ſie ohne Barmherzigkeit heraus zu werfen. Zu dieſem Zwecke ſchickte er ſich zum Angriff an; der freche Kirſchendieb kannte keine Gewiſſensbiſſe und das erbärmliche Geſchrei der verlaſſenen Kinder rührte nicht das verhärtete Herz des exemplariſchen und unverbeſſer⸗ lichen Böſewichts. Aber diesmal hatte er die Rechnung ohne den Wirth gemacht; die Vorſehung wachte über den Hauptern der unſchuldigen Kleinen. Nicht umſonſt war Wilhelm ein Zuſchauer der beabſichtigten Frevelthat und ſein ritter⸗ licher Geiſt war mit einem Male erwacht. Er fand viel⸗ leicht unwillkürlich eine Gleichheit zwiſchen ſeinem Looſe und dem drohenden Schickſale der jungen Schwalben. Zeigte der unverſchämte Sperling nicht eine auffallende Aehnlichkeit mit dem aufgeblaſenen Hauswirth, der ihn ebenfalls aus dem warmen Neſte ſeiner Pflegemutter ver⸗ drängen wollte?

„Warte nur, Du Hallunke!“ rief er dem Räuber mit edler Entrüſtung zu.„Ich will Dich lehren, arme Kinder, die Dir nichts gethan haben, zu maltraitiren.“

Dabei ſah er ſich in der Stube nach einer paſſenden Waffe um, damit den Junker Spatz zu bekämpfen. Sein Auge fiel auf den Kehrwiſch im Winkel, den er ſogleich