Teil eines Werkes 
1. (1858) Die Geschiedene / von Max Ring
Entstehung
Einzelbild herunterladen

187

ſpalt ſeines Innern waren mit einem Male geſchwunden. Und hätte es ſein Leben gekoſtet, er konnte nicht anders. Was waren Rang, Anſehen, Beförderung und ſeine ganze Stellung in dieſem Moment, wo er die theure Freundin durch ſeine Schuld leiden ſah? Die Schuppen fielen von ſeinen Augen, die Nebel des Ehrgeizes ſchwanden; er wollte Alles daran ſetzen, um Antonien frei zu machen, um die Geliebte zu beſitzen. Unter ſteigender Aufregung der Ver⸗ ſammlung ſprach er fort und fort, ſeine eigenen Gründe widerlegend, ſich ſelbſt bekämpfend und im ſchnellen Wechſel ſeine bisherige Rolle tauſchend. So groß aber war die Gewalt, welche er über ſeine Zuhörer ausübte, daß ſie athemlos und ohne Unterbrechung ihm folgen mußten. Die Miniſter ſahen ſich beſtürzt an, die eigene Partei war verwirrt und die Gegner jauchzten ihrem ungehofften Bundesgenoſſen lauten Beifall zu. Mit einer bewunde⸗ rungswerthen Kunſt fand er den ſchwierigen Uebergang von einem Extrem zum andern; ergreifend ſchilderte er den Zuſtand einer unglücklichen Ehe, den Zwang und die daraus folgenden Qualen für beide Gatten, die Zerſtörung der Familie durch die drückenden Feſſeln eines ſteten Zu⸗ ſammenlebens, die Folgen einer Verbindung, welche ſtatt Liebe nur Haß und Verachtung zu ihrem Fundamente hat. Aus ſeinen Worten ſprach eine ſolche Ueberzeugung, eine Wahrheit, welche unwillkürlich dem Zuhörer einleuchten