Teil eines Werkes 
1. (1858) Die Geschiedene / von Max Ring
Entstehung
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Niemals hatte er glänzender und überzeugender geredet, ohne ſelber überzeugt zu ſein. Sein Gönner, der Juſtiz⸗ miniſter, nickte ihm Beifall zu, die Verſammlung applau⸗ dirte ihm, die Zuſchauer auf der Tribune folgten mit athemloſer Spannung ſeinem Vortrage. Selbſt Antonie konnte ſich des Zaubers nicht erwehren und lauſchte mit Entzücken ſeinen Worten, die ihren eigenen Ruin voll⸗ endeten. Plötzlich aber trat eine unerklärliche Wendung ein; mitten in ſeiner Rede verwirrte ſich Bolten und häufte Widerſprüche auf Widerſprüche. Mit derſelben unerbitt⸗ lichen Schärfe und geiſtigen Tiefe, mit der er bisher ſein Syſtem und die Maßregeln der Regierung vertheidigt hatte, griff er daſſelbe zum Erſtaunen der Zuhörer an. Er kehrte die eigenen Waffen gegen ſich und glich dem Pro⸗ pheten, der gekommen war, um zu fluchen und ſtatt deſſen ſegnete. Alle Welt war beſtürzt, man ahnte ein Geheim⸗ niß, ein unerklärliches Räthſel. Bolten hatte zufällig ſeine Blicke nach der Tribune gerichtet und Antonien bemerkt; er war von dem ängſtlichen Ausdrucke, dem tiefen Leidens⸗ zuge ihres bleichen Geſichtes wunderbar ergriffen und er⸗ ſchüttert worden. In ihren Mienen glaubte er einen ſtillen Vorwurf zu leſen, ihr Auge ſchien bittend und klagend auf ihn gerichtet zu ſein. Seine Sinne verwirrten ſich; er ſah nur Sie, er dachte nur an die Qualen, welche er ihr be⸗ reiten mußte. Die Lüge, in die er ſich verſtrickt, der Zwie⸗