Teil eines Werkes 
1. (1858) Die Geschiedene / von Max Ring
Entstehung
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welche Richtung unſere arme Antonie von Jugend auf er⸗ halten hat. In materiellen Anſchauungen aufgewachſen, faſt gezwungen zu dieſer widerwärtigen Partie, hat ſie die Schule des Unglücks kennen gelernt. Nur ihre beſſere Natur konnte ſie vor dem gänzlichen Untergange ſchützen.“

„Ich bedaure ſie von ganzem Herzen.“

„Und doch rauben Sie ihr den einzigen Troſt, der ihr noch übrig bleibt.“

„Ich verſtehe Sie nicht, verehrte Freundin.“

„Wäre hier nicht eine Scheidung vollkommen gerecht⸗ fertigt? Eine Ehe ohne Liebe, wo ſelbſt die Achtung fehlt, iſt die Hölle auf Erden. Und Sie reden dem Fortbeſtehn einer ſolchen Verbindung noch das Wort.— In der Theorie mögen Sie vielleicht Recht haben, aber die Praxis verlangt einen andern Ausweg. Ich allein weiß, was Antonie bis⸗ her gelitten hat. Soll ſie niemals die Kette brechen, nie die Laſt abſchütteln dürfen, welche ſie zu Boden drückt. Das iſt eine Grauſamkeit, die Sie nicht vertheidigen können.“

Derartige Geſpräche kehrten immer wieder und Bol⸗ ten's ſtrenge Auffaſſung von dem Weſen der Ehe wurde einigermaßen erſchüttert. Es gab ſogar Augenblicke, wo der pflichtgetreue Mann mit ſchwerem Herzen an die ihm übertragene Ausarbeitung des neuen, beſchränkenden Ge⸗ ſetzes ging. In ſeinem Innern regte ſich die alte Neigung