Teil eines Werkes 
1. (1858) Die Geschiedene / von Max Ring
Entstehung
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nun mußte er zu ſeiner Beſchämung ſich eingeſtehen, daß ihn ſein eignes Herz getäuſcht. Mit jener Antonie hatte er allerdings abgeſchloſſen, welche einſt mit ſeinen heiligſten Gefühlen ein ſchnödes Spiel getrieben und ihn ſo wie ihr beſſeres Selbſt verrathen und für äußeres Wohlleben ver⸗ leugnet hatte. Aber die Antonie, welche er jetzt erblickte, war ein ganz anderes Weſen geworden, ein herrliches Weib, das noch dazu unglücklich war und ihr Unglück mit edler Reſignation, mit bewunderungswerther Würde zu tragen wußte. Alles, was er von Iulien erfuhr und ſo oft er kam, war Antonie der Gegenſtand ihres gemein⸗ ſamen Geſpräches, erfüllte ihn mit Staunen und Bewun⸗ derung für die edle Frau.

„Wir haben ſie nicht gekannt,“ ſagte die treue Freundin.„Antonie hat für ihren Irrthum ſchwer ge⸗ büßt. Dieſer Eſſling iſt der elendeſte Mann auf Gottes Welt.“

„Um ſo weniger begreife ich, wie Antonie ihn nehmen konnte.“

„Sie wiſſen noch nicht, lieber Geheimrath, was Ueberredung vermag. Antonien's Eltern tragen den größten Theil der Schuld, obgleich ich die Freundin ſelbſt nicht ganz freiſprechen kann. Ihr Fehler läßt ſich jedoch durch ihre Erziehung entſchuldigen. Sie kennen ja die Familie Brandeis aus eigner Erfahrung; Sie werden daher wiſſen,