Teil eines Werkes 
1. (1858) Die Geschiedene / von Max Ring
Entstehung
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einer Prüfung unterwarf, wurde ſie ſich ſelbſt darüber klarer. Wie es aber gewöhnlich zu geſchehen pflegt, be⸗ freundete ſie ſich immer mehr mit dem Gedanken, der ihr urſprünglich fremd, erſt durch die ſtattgefundene Unter⸗ haltung in ihrer Seele allmälig reifte. Sie gelangte zu der Ueberzeugung, daß es auch hier wie überall eine Grenze geben müſſe, ein Maß deſſen, was ein Weib in ähnlichen Verhältniſſen dulden dürfe. Wenn ſie auch Bolten's Meinung bis zu einem gewiſſen Punkte bei⸗ pflichtete und beſonders den Eingebungen der Laune und der Willkür, ſo wie er, keine Herrſchaft und am aller⸗ wenigſten eine Entſcheidung bei einem ſo hochwichtigen Schritte einräumen wollte, ſo konnte ſie ſich doch nicht gänzlich zu ſeiner Anſicht bekennen und ſeine, wie es ihr ſchien, allzu beſchränkte Strenge billigen. Weder der ab⸗ ſolute Zwang, noch die abſolute Freiheit, entſprachen ihrer eigenen Geſinnung; es mußte noch ein Drittes geben, von dem ſie die Löſung des einmal in ihr aufgetauchten Zwie⸗ ſpaltes erwartete. Indem ſie aber ihm weder vollkommen beipflichten, noch ihm widerlegen konnte, überließ ſie der Zeit und den folgenden Ereigniſſen die endliche Entwir⸗ rung ihrer ſich immer mehr verwickelnden Lebensſchickſale.

Auch an Bolten ſelbſt ging dieſe zufällige Begegnung mit Antonien nicht ſpurlos vorüber. Er hatte ſeine Nei⸗ gung bereits für überwunden und abgethan gehalten und

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