Teil eines Werkes 
1. (1858) Die Geschiedene / von Max Ring
Entstehung
Einzelbild herunterladen

150

für Antonien und im Stillen wünſchte er die Freundin frei von jedem drückenden Bande. Während er über die Akten gebeugt mit ſeiner Feder die Sache der Ehe vom religiöſen und moraliſchen Standpunkte vertheidigte, die Scheidung nur in wenigen Ausnahmefällen zuläſſig erklärte und an bindende Paragraphen ſchmiedete, ſtand plötzlich vor ſeinen Augen das Bild der unglücklichen Frau mit bittend erho⸗ benen Händen und ſanften klagenden Zügen. Es bedurfte ſeiner ganzen Willenskraft und Energie, um die Arbeit, welche den Kammern vorgelegt werden ſollte, zu beenden. Als er dieſelbe dem Miniſter überbrachte und dieſer ſich mit höchſter Anerkennung darüber ausſprach, hatte der hochge⸗ ſtellte Gönner des Geheimraths keine Ahnung, welche Kämpfe dieſer darum beſtehen mußte.

„Ich bin mit Ihnen zufrieden,“ ſagte der gütige Chef,„und werde Sie dem Fürſten noch zu einer ganz be⸗ ſonderen Belohnung vorſchlagen, die Sie auch reichlich ver⸗ dient haben. Sprechen Sie offen Ihre dahin zielenden Wünſche mir gegenüber aus.“

„Exzellenz!“ ſtammelte Bolten verlegen,„ſind viel zu gnädig. Wenn ich eine Bitte wagen darf.—“

„Reden Sie ganz ungenirt.“

„Ich fühle mich derartig angegriffen, daß ich zu mei⸗ ner Erholung einer Reiſe bedarf.“