Teil eines Werkes 
1. (1858) Die Geschiedene / von Max Ring
Entstehung
Einzelbild herunterladen

144

ihr Geſchick. So konnte nur eine Frau ſprechen, die in. ihren innerſten Gefühlen verletzt war. Unwillkürlich hatte ſie das Geheimniß ihres Herzens ihm verrathen und ihre Worte trafen ihn wie ein Blitzſtrahl, der die dunkle Nacht mit ſeinem grellen Licht erhellt.

Eine bedenkliche Pauſe war jetzt eingetreten; Bolten bedurfte einiger Augenblicke, um ſich zu ſammeln. Auch Antonie wurde befangen und durch ſein Schweigen nur noch verlegener. Zum Glücke kam ihr Julie zu Hülfe und ſuchte der ernſten Unterhaltung eine gezwungene, ſcherzhafte Wendung zu geben.

„Iſt es nicht ein himmelſchreiendes Unrecht,“ ſagte ſie,„daß die Geſetze ausſchließlich von Euch Männern ge⸗ macht werden. Ein Hageſtolz, wie Sie, Herr Geheimerath, dürfte gar nicht mitreden, da Sie doch keine Erfahrung haben können. Wwie mein Mann ſagt, iſt aber die Praxis die Hauptſache. Was will ſo ein alter Junggeſelle von der Ehe wiſſen?— Die Ehe iſt, wie die Medicin, eine Erfahrungswiſſenſchaft; ſie muß durchgemacht werden, wenn man ein richtiges Urtheil fällen will. Wenn Sie erſt ein Jahr verheirathet ſein ſollten, werden Sie ſchon anders denken. Vor allen Dingen müßte man uns Frauen zu Rathe ziehen.“—

„Da würde etwas Schönes herauskommen,“ ſpottete i Mann.