Teil eines Werkes 
1. (1858) Die Geschiedene / von Max Ring
Entstehung
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die unſterbliche Seele, unſer Herz, kann nach Belieben gequält und gepeinigt werden. Wie ungerecht iſt doch eine ſolche Gerechtigkeit!“

Bolten ließ auf ſeine Antwort warten; er war er⸗ ſtaunt, betroffen, aus dem Munde Antonien's einen ſolchen Widerſpruch zu hören. In dem Tone ihrer ſanften Stimme zitterte ein tieferes Leid, das ſich unwillkürlich jetzt verrieth. Er hatte abſichtlich früher jedes Geſpräch über ihr eheliches Verhältniß vor Julien und deren Mann vermieden, des⸗ halb theilte auch er die allgemeine Meinung, nach welcher Antonie als eine glückliche Gattin galt. Dieſer Irrthum war um ſo leichter, da ihm ſtets nur das frühere Bild des lebensluſtigen, genußſüchtigen und verzogenen Mädchens vorſchwebte, das er jedoch, trotz aller Fehler und Schwä⸗ chen, unendlich lieb gewonnen hatte. Erſchien ſie ihm auch bei dieſer erſten Begegnung nach langer Trennung ganz verändert, tiefer und bedeutender, ſo war er doch haupt⸗ ſächlich geneigt, dieſe vortheilhafte Wandlung ihres Weſens auf Rechnung jenes Verluſtes zu ſchreiben, den ſie erſt kürzlich durch den Tod des Kindes erlitten hatte. Andere Motive waren ihm vollkommen unbekannt, am wenigſten dachte er an eine unglückliche Ehe Antonien's mit Eſſling, deſſen Perſon ihm bisher fremd geblieben war. Um ſo mehr wurde er jetzt überraſcht; denn in ihren Worten lag ein kaum verborgenes Geſtändniß, eine bittere Klage über