Teil eines Werkes 
1. (1858) Die Geschiedene / von Max Ring
Entstehung
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wenn ſie an das Beiſpiel dieſer Jugendfreundin dachte, welche lediglich ihrer Neigung folgend, aus Liebe gehei⸗ rathet hatte. Sie fürchtete ein ähnliches Geſchick, wenn ſie Bolten Gehör gab. Deshalb bekämpfte ſie auch ohne Zuthun ihres wachſamen Vaters, ihr aufkeimendes Gefühl für ihn. Der Aſſeſſor ſchwankte fortwährend, wie jeder Liebende, zwiſchen Furcht und Hoffnung. Es gab Tage, wo Antonie ihm ſo freundlich begegnete, daß er ihrer Nei⸗ gung gewiß zu ſein glaubte, aber ſchon die folgende Stunde ließ ihn wieder irre an ihrem Herzen werden. Es war nicht Koketterie, was ſie mit ihm trieb, ſondern lediglich der Kampf zwiſchen den Eingebungen ihres warmen Her⸗ zens und ihrer kalten Vernunft. Darum wurde er immer von Neuem wieder von ihr angezogen und abgeſtoßen. Ihr Zögern, ihr Ausweichen nahm er für eine gewöhnliche Mädchenlaune, die er durch ſeine Beharrlichkeit endlich zu überwinden meinte. Er liebte ſie zu ſehr, um nicht an ihre Gegenliebe zu glauben.— Mehrere Wochen ſchon hatte das Verhältniß in ähnlicher Weiſe fortgedauert, als ihr Vater eines Tages ihr den nahe bevorſtehenden Beſuch des jungen Eſſling ankündigte. Zugleich ließ er einige Winke über deſſen Abſichten fallen, welche Antonie nicht mißverſtehen konnte.

„Der Kommerzienrath,“ ſagte Herr Brandeis zu ſeiner Tochter,„wünſcht eine Verbindung unſerer Familien.