Teil eines Werkes 
1. (1858) Die Geschiedene / von Max Ring
Entstehung
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aufblühenden Reizen ſeiner älteſten Tochter zu. An dieſer Bewerbung lag ihm um ſo weniger, da der junge Mann trotz ſeiner übrigen trefflichen Eigenſchaften in dem Haupt⸗ punkte des Vermögens dem ſicheren Geſchäftsmann keine feſten Garantieen bot. Antonie ließ ſich die Huldigungen des neuen Anbeters gefallen; ſie ſang mit ihm die zärt⸗ lichſten Lieder und Duette. Wenn er aber im Laufe der Unterhaltung dieſelben Gefühle, welche er ihr gegenüber in Noten ausdrücken durfte, jetzt in ſchlichter Proſa vor⸗ bringen wollte, ſo wich ſie ihm mit vieler Gewandtheit aus. Ihr Herz ſprach wohl im Stillen laut und lebendig zu ſeinen Gunſten, aber ihr, Verſtand wachte über ihre Gefühle und berechnete alle Folgen eines voreiligen Ent⸗ ſchluſſes. Sie war und blieb in allen Fällen die kluge Kaufmannstochter, welche die Zukunft im Auge behielt und ſich nicht leicht in eine gewagte Spekulation einließ. Wäre der Aſſeſſor nur wohlhabend geweſen, ſie hätte ihn gewiß jedem und auch dem reichſten Bewerber vorgezogen. Aber mit ihm zu darben, zu entbehren; dazu fehlte ihr der Muth. Es gab Augenblicke, wo ſie ſelbſt das größte Opfer für ihn bringen wollte; doch dieſe Stimmung ver⸗ ſchwand eben ſo ſchnell, wenn ſie an ſein beſchränktes Ein⸗ kommen und ſich als ſeine Gattin dachte, kämpfend mit der Noth des Lebens, voll Sorge um die täglichen Be⸗ dürfniſſe, ſich jeden noch ſo unbedeutenden Wunſch ver⸗