Teil eines Werkes 
1. (1858) Die Geschiedene / von Max Ring
Entstehung
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die Gutmüthigkeit und den Humor ſeines ſpitzbübiſchen Vorbildes.

„Iſt Niemand da geweſen?“ fragte Eſſling, indem er mit Hülfe des Dieners in ſeinen ſeidenen Schlafrock ſchlüpfte und eine ſchnelle Morgentoilette machte.

„Nur der Agent Veitel. Ich hab' ihn gegen Mittag wieder her beſtellt.“

„Sind keine Briefe für mich angekommen?“

Der Bediente reichte auf einem ſilbernen Präſentir⸗ brett die eingegangenen Schreiben, ſowie die heutige Mor⸗ genzeitung hin. Eſſling erbrach die verſchiedenen Blllete, deren Inhalt er flüchtig durchlas, während der Diener, welcher Stephan hieß, anſcheinend mit dem Ordnen der zerſtreut umherliegenden Garderobe beſchäftigt, kein Auge von der Phyſiognomie des Herrn verwendete, den er voll⸗ ſtändig auszuſpioniren ſchien. Einige unbedeutende Briefe wanderten ſogleich in den geſtickten Papierkorb, wichtiger mußte wohl das Briefchen auf Roſapapier ſein, welches mit einem Amor zugeſiegelt, ein ganz eigenthümliches Parfüm verbreitete. Der Inhalt deſſelben war gewiß dem Empfänger nicht ſehr angenehm, denn beim Leſen deſſelben verdüſterte ſich ſein blaſirtes Geſicht und die ſchmalen Lippen verzogen ſich zu einem unangenehmen Lächelnl.

„Das Weib wird immer unverſchämter,“ murmelte er für ſich.„Aber was hilft's; ich kann ſie nicht entbehren.