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ohne Einfluß auf ihre Anſchauungsweiſe blieb. Wie die meiſten Schülerinnen war auch ſie für einen der Lehrer auf's Höchſte begeiſtert und eingenommen geweſen. Sie ſah in ihm den vollkommenſten aller Männer und hing an ſeinen Lippen, wenn er mit wohltönender Sprache und einem gewiſſen Pathos die Verſe ihrer Lieblingsdichter vortrug. Unwillkürlich trug ſie ihre jugendliche Schwär⸗ merei für die Poeſie auf den Mann über, der ſie mit den Muſen bekannt machte; ihre lebhafte Phantaſie ſchmückte ihn mit allen möglichen ſchönen und edlen Eigenſchaften aus. So oft er in das Lehrzimmer trat, fand er einen friſchen Blumenſtrauß auf ſeinem Sitz, den Antonie heimlich hingelegt. Wie freute ſie ſich, wenn er daran roch und ſich an dem ſinnigen Geſchenk erfreute. Um ſo unangenehmer wurde ſie berührt, als der noch junge und wirklich liebenswürdige Mann, der freilich von ihrer kin⸗ diſchen Neigung keine Ahnung hatte, ſich mit einer alten aber vermögenden Wittwe verlobte, welche er lediglich wegen ihres Geldes heirathete. Sie war empört über ſolch' eine niedrige Geſinnung und ihre Zärtlichkeit ver⸗ wandelte ſich in die tiefſte Verachtung. Damals faßte ſie den vorſchnellen Entſchluß, ſich nie wieder zu verlieben, oder gar einem Manne anzugehören. Es war dies der erſte, bittere Schmerz, der ihr manche heiße Thräne koſtete. Mit der Zeit vernarbte zwar die Wunde, aber die zarte
1858. XIV. Neue Stadtgeſchichten. I. 3


