—
— 36 6—
gen Familienportraits, die der Stadtmaler mit vieler Kunſt gepinſelt und welche zum Sprechen getroffen waren, das heißt ſo einfaͤltig als moͤglich ausſahen, in ſchmale Goldleiſten gefaßte Steindruͤcke von be⸗ kannten trivialen Bildern. Die Hauptzierde beſtand aber in dem vollen Silberſchrank, der ſo geſtellt war, daß das Auge jedes Beſuchers ihn zuerſt erblicken und ſeinen koſtbaren Inhalt bewundern mußte.
In dieſem Allerheiligſten, das ſonſt nur die Hono⸗ ratioren, die Frau Buͤrgermeiſterin, Stadtrichterin und die Salzinſpectorin betreten durften, empfing die Wittwe des ſeeligen Herrn Veit und Compagnie ihren Gaſt. Sie war eine ſtattliche, imponirende Frau mit einem Doppelkinn und einem leiſen Anflug von ſchwar⸗ zem Flaum unter der gebogenen Naſe. Sie trauerte noch in ſchwarzer Kleidung um den Verſtorbenen, ſonſt haͤtte ſte Georg wahrſcheinlich in einer unge— heuern Haube, mit Blumen wie eine Wieſe beſteckt, und einem gelbſeidenen Atlaskleide empfangen, wo⸗ durch die Aehnlichkeit der Frau Veit mit einer reifen, gewichtigen Melone noch mehr hervorgetreten waͤre.
Ihre beiden Toͤchter waren junge, durchaus nicht haͤßliche Maͤdchen. Minchen, die aͤltere, glich auf⸗ faͤllend der Mutter, die in ihrer Jugend einſt ſchoͤn geweſen ſein konnte. Linchen, die juͤngere, ſchlug
3


