Zwanzigſtes Kapitel. Vie unnatürliche Mutter.
Ziemlich ſpät am folgenden Morgen wurde Mer⸗ voyn durch das Eintreten einer Perſon in ſeine Dach⸗ kammer aufgeweckt; und da er auffuhr, ſah er mit verwirrten Augen eine Figur, die er zuerſt für einen Juden hielt. Sie war in einen langen grünen Fries⸗ mantel gekleidet, trug einen in's Geſicht gedrückten ſpaniſchen Hut und einen kurzen graulichten Bart, ob⸗ gleich die Augenbrauen unnatürlich ſchwarz waren. Eine Art von Hauſirers⸗Pack hing über die Schultern, enthaltend einige ſolche Artikel, womit die Juden jener Periode durch die Straßen zu hauſiren pflegten.
„Steht auf, Knabe,“ ſagte er in einem Tone, welchen Mervyn ſogleich erkannte.„Es iſt ſchon ſpät und gutes Glück wartet Euer. Ich denke Euch zu einer ſehr vornehmen Dame, einer Freundin von mir, zu führen, die Euch vielleicht zu Fortkommen und Be⸗ förderung behülflich iſt.“
„Oberſt Blood!“ rief Mervyn mit unwillkürlichem Schaudern. 1
„Du wunderſt Dich, daß Du mich ſo verkleidet ſiehſt?“ ſagte der Oberſt.„Die Wahrheit iſt, daß ich mein Heiligthum nicht ohne einige Vorſichtsmaßregeln verlaſſen darf. Aber mache keinen Aufenthalt; ziehe Dich an und komme gleich zu mir in das Zimmer hinunter, wo ich frühſtücke.“„ 3
Mervyn gehorchte, wiewohl mit einem Widerwillen, der durch jede Betrachtung, die er unterwegs machte, noch verſtärkt wurde. Noch ſchwammen die Ereigniſſe der vergangenen Nacht in ſeinem Gedächtniſſe wie ein Traum und mehrere Augenblicke lang konnte er ſich nicht anders einbilden, als daß ſie ein ſolcher wären;


