Teil eines Werkes 
3. Band (1852) An der Börse : eine Stadtgeschichte / von Max Ring
Entstehung
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Hinter ihr folgte in tiefſter Trauer die holde Toch⸗ ter, welche den jüngeren Bruder am Arme führte. Die kleine Lisbeth war ihrem armen Vater bereits vorangegangen, ein Engel, der um Vergebung ſei⸗ ner Sünden bei dem himmliſchen Vater flehte und deſſen Fürbitte den Verlornen gewiß erlöſen muß. Anna's Geſicht war bleich, aber trotz aller Leiden noch immer himmliſch ſchön. Sie hatte die ſchwache Mutter in der Zeit der Prüfung durch ihren Muth aufrecht gehalten, getröſtet und geſtützt.

Außer dieſen nächſten Angehörigen ſtand an dem Grabe des Bankiers ein junger Mann, der kein anderer als Adolph Märtens war, der ſich in Begleitung des alten Lazarus eingefunden hatte, um ſeinem unglücklichen Prinzipale die letzte Ehre zu erweiſen.

Es war nur ein kleines Leichengefolge, aber thränenreich.

Ein Jahr nach dieſem traurigen Ereigniſſe trat eines Tages der frühere Buchhalter in die kleine Wohnung, welche Madame Werth bezogen. Die Gläubiger ihres Mannes hatten ihr Alles genom⸗ men. Ihre eigene geringe Mitgift reichte kaum hin, ihre Familie auf anſtändigem Fuße zu erhalten, obgleich die treffliche Frau ſich jeder möglichen Be⸗ ſchränkung ohne Murren unterzog.

Adolph hatte ihr bisher mit Rath und That treulich beigeſtanden, er war der einzige von den vielen früheren Freunden, der ſich im Unglück be⸗ währte. Ihm allein hatte ſie es zu verdanken, daß ein, wenn auch nur kleiner Theil ihres Vermögens gerettet wurde. Durch ſeine Vermittelung war eine