Der Gedanke, daß ſie gezwungen werden könnte, zuvor ein Geſtändniß ihrer Schwäche abzulegen. Lieber wollte ſie das Aeußerſte erdulden, ehe ſie vor dem Gericht ihre Liebe und das Stelldichein, wel⸗ ches allein die Urſache ihres Unglücks war, ver⸗ rathen hätte. Für ſie war ja ohnehin Alles vorbei. Karl konnte ja nimmermehr zu der Gefangenen zurückkehren. Sie hatte noch den Glauben, welcher ziemlich allgemein im Volk verbreitet iſt, daß ſelbſt unſchuldige Kerkerhaft den davon Betroffenen mit ewigem Makel beflecken müſſe. Darum war ihr Alles ganz gleich und ſie dachte nicht einmal daran, daß Neumann durch ein einzig Wort ſie reinigen könnte. Nur der Mutter wegen erinnerte ſie ſich an den Verbrecher, der durch ſeine Schuld ihr ſo viel Herzeleid bereitet hatte. Um der Mutter willen wollte ſie auch ihn ſchonen, und ſelbſt wenn es Noth thäte, tapfer lügen, um ihn zu befrein. Allmählig verſchwammen und erblaßten all' dieſe Vorſätze und Gedanken, und endeten mit einem unbeſtimmten Brüten, das bald keinen Gegenſtand mehr fand. Wie die glimmenden Funken in der Aſche, erſtarb ein Sinn und ein Gefühl nach dem andern, bis der Schlaf Agnes in ſeine ſanften Arme
Teil eines Werkes
1. Band (1852) Christkind-Agnes : eine Stadtgeschichte / von Max Ring
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