Teil eines Werkes 
1. Band (1852) Christkind-Agnes : eine Stadtgeschichte / von Max Ring
Entstehung
Einzelbild herunterladen

223

ſie auch blicken mochte, ſie ſah nur ihn. Jeder Winkel ihres finſtern Kerkers bevölkerte ſich mit ſeinem theuren Bild. Ihm floſſen die Thränen, die reinſten, welche je in einem Gefängniſſe geweint wurden.

Karl, flüſterte ſie, wie ſie es gewohnt war, kannſt du mich für ſchlecht halten? Um deinetwillen duld' ich all' das Leid, und du haſt dich von mir abgewendet! Immer heftiger floſſen ihre Thränen und ihr lautes Schluchzen klang er⸗ ſchütternd in der ſtillen Nacht.

Ein dumpfes Klopfen ſchreckte ſie aus ihrem Schmerze auf. Ihr Gefängnißnachbar hatte ſie vernommen und deutete, da er wach war, auf dieſe Weiſe ſeinen Wunſch an, mir ihr ein Geſpräch anzuknüpfen. Da ſie ſeine Zeichen nicht verſtand, wiederholte er dieſelben, aber mit dem nämlichen Erfolg. Darauf wurde es wieder ſtill, wie zuvor.

Dieſe kurze Unterbrechung hatte Agnes von ihren erſten Gedanken abgeleitet und die Wirkung hervorgebracht, daß ſie anfing, ſich mit der eigenen Lage zu beſchäftigen. Das Gefühl ihrer Unſchuld

war ſo mächtig in ihr, daß ſie nicht daran zwei⸗

felte, mit dem morgigen Tage ſogleich entlaſſen zu werden. Nur ein Umſtand erfüllte ſie mit Kummer.