215
— Agnes!— rief er wie außer ſich— ſag', daß du unſchuldig biſt und ich glaube dir, wenn dich auch alle Welt verdammt. Hörſt du mich nicht?—
Sie hörte ihn, doch ſie ſchwieg, weil ſie vor den Leuten nicht reden konnte, nicht reden durfte, ohne ſich und ihre Liebe Preis zu geben. Die Schaamhaftigkeit beſiegte jedes andere Gefühl. Aecht weiblich, wollte ſie lieber den ſchwerſten Vorwurf auf ſich laden, ſtatt ihn und ſein Geheimniß zu verrathen, noch dazu in der Eltern Gegenwart, welche von dem beſtehenden Verhältniſſe keine Ah⸗ nung hatten. Sie war das Opfer des Schweigens, die Märtyrerin eines himmliſchen Zartgefühls. Sie durfte auch den eigenen Vater nicht verklagen, um ſich zu befreien. Die bleiche Geſtalt der Mutter
ſtand vor ihren Blicken und ſtreckte flehend die
Hände zu ihr empor. Darum antwortete ſie nicht. Sie ſah die Qual des Geliebten, den Schmerz, welcher in ſeinem männlichen Angeſicht wühlte, aber ſte wankte nicht und blieb ſich ſelber treu. Das war der furchtbarſte Kampf, den Gott ihr aufgelegt.
Du ſollſt Vater und Mutter ehren, auf daß


