Teil eines Werkes 
1. Band (1852) Christkind-Agnes : eine Stadtgeschichte / von Max Ring
Entstehung
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getäuſcht. Nun verwandelte ſich die Ungeduld in bittern Unmuth, der ihr faſt Thränen erpreßte. Warum kam er nicht und ließ ſie in der finſtern Nacht allein? Ein düſterer Dämon, den ſie früher nie gekannt, umſchwirrte ſie mit ſeinen Fleder⸗ mausflügeln und hing ſich an ihr liebendes Herz, wie der Vampyr, der am liebſten das Blut un⸗ ſchuldiger Mädchen ſchlürft. Das Geſpennſt raunte ihr ins Ohr und flüſterte: Dein Karl liebt dich nicht! Armes Kind, du dauerſt mich, du kennſt die Männer nicht, welche mit dem Frauenherzen ſpielen, bis es bricht. Mit Gewalt verſcheuchte ſie den Dämon der Eiferſucht. Statt ſeiner ſetzte ſich der Alp der Furcht auf die gequälte Bruſt und peinigte ſie mit unnöthigem Schreck. Hatte ſie vielleicht, ohne es zu wiſſen, den Geliebten erzürnt, ſo daß ſein Herz ſich von ihr abgewendet? Oder war er plötzlich krank geworden? Unter ſolchen Befürchtungen und Selbſtqualen verging die Zeit. Vom Thurme ſchlug es Mitternacht. Langſam und feierlich verhallten die Töne in der Luft. Diesmal konnte es nicht Täuſchung ſein. Eine Thür öffnete ſich, aber nicht die, durch welche der Geliebte heraustreten ſollte. Ein Mann erſchien, Ring, Stadtgeſchichten. I. 14