Teil eines Werkes 
3. Band (1859)
Entstehung
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Körperlich und geiſtig auf das höchſte abgeſpannt, konnte ſie doch keine Ruhe finden. Bald verlor auch der Zauber der Natur ſeinen Reiz für ſie und von Neuem drängten ſich die eben erſt erlebten Szenen, die Schrecken der jüngſten Vergangenheit verbunden mit der Sorge um die nächſte Zukunft um ſo heftiger hervor. Da ſie ſich unbemerkt glaubte und Alles rings um ſie zu ſchlafen ſchien, hielt ſie nicht länger die ſtrömenden Thränen zu⸗ rück, denen ſie jetzt ihren freien Lauf geſtattete. Sie hatte ihren Schleier zurückgeſchoben, und der bleiche Mond be⸗ leuchtete ihr noch bleicheres Angeſicht. Die Schläfer regten ſich nicht, ihre Augen waren geſchloſſen, Keiner konnte ſie wohl geſehen haben. Ungeſtört überließ ſie ſich ihrem Schmerz, und wie die Thränen niederfielen, löste ſich auch wunderbar die krampfhafte Verzweiflung in ihrem Buſen; ſie wurde ſtiller und gefaßter. Aus ihrem tiefen Elende ſchaute ſie getröſtet zu dem nächtigen Himmel em⸗ por, an dem die goldenen Sterne leuchteten.

Allmälig dämmerte der Morgen, ein lichter Streif im Oſten verkündigte das Nahen der Sonne; die grauen Wolken färbten ſich mit goldenen und roſigen Säumen, der Mond und die hellen Sterne erblaßten vor dem auf⸗ gehenden Tagesgeſtirn, das bereits die erſten ſchüchternen Lichtſtrahlen aus ſandte. Die Spitzen der fernen Berge und die Wipfel der Bäume badeten ſich im jungen Licht.