Teil eines Werkes 
1. Band (1859)
Entstehung
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Egoismus. Das eigeneIch war der Gott, den er nur noch allein anerkannte und verehrte.

Ein ſolcher Mann mußte natürlicher Weiſe einem jungen, unerfahrenen Mädchen, wie Martha damals war, doppelt gefährlich werden, da er mit einem intereſſanten Aeußern noch die Macht einer weit gefährlicherer geiſtiger Ueberlegenheit verband, welche weder in ſeinem Charakter noch in ſeinem Gemüthe ein Gegengewicht fand. Dazu kam der Nimbus, womit ihn ſeine Kunſt umgab und eine ſeltene Ueberredungskraft, die er zum großen Theil dem hinreißenden Zauber ſeines ſchmelzenden Organs verdankte. Seine Stimme klang wie verführiſche Muſik, die ſüßeſten Schmeicheltöne ſtanden ihr ebenſo zu Gebot wie der brauſende Sturm der wildeſten Leidenſchaft.

Wie begierig lauſchte Martha ſeinen Worten, mit welcher Luſt ſchlürfte ſie das verderbliche Gift ſeiner An⸗ ſichten und Paradoxen ein, womit er ſyſtematiſch ihr un⸗ ſchuldiges Herz zu verderben, ihre Sinne zu beſtricken, die ſchwachen Reſte ihres kindlichen Glaubens, ihren jung⸗ fräulicher Scham zu vernichten ſuchte. Sie hatte kei⸗ nen Menſchen, der ſie warnen konnte, keine Mutter, die mit zärtlicher Sorge über ſie wachte; ihre älteren Schwe⸗ ſtern befanden ſich ſelbſt in ähnlicher Gefahr und mehr oder minder in gleicher Lage.

1859. XXI. Eine arme Seele. I. 11