Teil eines Werkes 
1. Band (1859)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

28 Handſpiegel diente zu dieſer Toilette, und Martha konnte ſich eines leiſen Ausrufes nicht erwehren, als ihr das Glas ihr ſo verändertes Bild zeigte. Die dunklen vollen Locken wurden von der weißen Haube bedeckt und ihr ſchlanker Wuchs durch das wollene Gewand faſt gänzlich verhüllt; Hals und Buſen verbarg das dichte Tuch. Sie kam ſich in der ungewohnten Tracht ſelber fremd vor und mußte über die ſeltſame Verkleidung lächeln. Trotz⸗ dem bewahrte ihre verhängnißvolle Schönheit ſelbſt in dieſem keineswegs kleidſamen Anzuge ihren alten Zauber, ja ſie ſchien nur noch einen neuen Reiz dadurch zu er⸗ halten.

Du ſiehſt wie ein Engel aus, ſagte die Diako⸗

3 niſſin, welche trotz ihrer ſchwärmeriſchen Frömmigkeit

noch nicht für jeden irdiſchen Eindruck abgeſtumpft ſchien.

Dieſe unbewußte Schmeichelei tröſtete Martha über ihr Ausſehen; denn ungeachtet ihrer jetzigen Stimmung war ſie noch immer ſo viel Weltkind geblieben, um nicht mit Gleichgültigkeit das Lob ihrer Schönheit zu verneh⸗ men. In einer Anwandlung des früheren Uebermuthes ſtieß ſie ihre bisherigen Kleider, welche zum Theil auf dem Boden lagen, mit dem Fuße fort.

Fahr' hin! rief ſie mit wehmüthiger Luſtigkeit. Den ſchnöden Flittertand der Welt werde ich hoffentlich nie mehr brauchen.