Nicht ohne Bekümmerniß ergriff die Baronin ihre Hand
„Wie ſteht es mit Dir, Emma?“ fragte ſie.„Du ſiehſt ſo ſonderbar aus.“
„Findeſt Du das, Mutter? Ich weiß nicht. Sollte ich ſonderbar ausſehen? Mir iſt ſo wohl, Mutter, ja vollkommen wohl. Warum ſollte ich nicht wohlgemuth ſein? Morgen iſt ja meine Hochzeit, Mutter. Ich denke mit Freude daran. Alfred...“
„Was willſt Du von Alfred ſagen?“
„Oh, nichts, Mutter; ich dachte blos an ihn.“
Emmas Worte ſchmerzten Hermann ſo tief, und es wurde ihm unmöglich, länger zu bleiben.
Aufgeregt und verſtimmt, kaum wiſſend was er that, gab er Carl Auguſt einen Wink, und beide entfernten
ſich ſchweigend.
Es gibt eine Periode im Leben des Weibes, wo die Welt voll von Selbſttäuſchungen vor ihr ſteht und ſie ſelbſt blos eine Selbſttäuſchung iſt. Die Erfahrung hat ihr noch keinen Maßſtab gegeben, nach welchem ſie die Erſcheinungen beobachten kann; nur mit ihrem Ge⸗ fühl ſucht ſie ſchen und bebend ihre Wege zu ſinden. Kindliche Unſchuld ruht noch auf ihrer Seele, und ſie betrachtet die Zukunft blos als einen erſehnten Freund, betrübt ſich blos darüber, daß ſie ſo lang auf ſich war⸗ ten läßt.
Selbſt der Kummer ſchlägt dann keine tiefere Wur⸗ zeln als die Blume, und ſie pflegt ihn ſogar mit größe⸗ rer Sorgſamkeit, weil ſeine Roſen ſchön duften für das junge, ſchwärmeriſche Gemüth.


