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wußt haben die Frauenzimmer ihm ſtets einen Seufzer zu opfern.
Als Charlotte ihre Aeußerung gegen Carl Auguſt unterbrach, betrachtete er ſie ſo herzlich, um aus dem Ausdruck ihres Geſichts zu erforſchen, was ſie ſagen wolle.
Charlotte fühlte ſich verlegen und erröthete unwill⸗ kührlich; ohne daß ſie ſelbſt daran dachte, heftete ſie dabei einen holden, ahnungsvollen, langen Blick auf ihn.
Carl Auguſt fühlte ſich wie magnetifirt.
„Sie wollten etwas ſagen, mein Fräulein,“ erin⸗ nerte er.
Charlotte hatte es beinahe vergeſſen. Wie oft um⸗ ſchließt nicht ein tiefes und aufrichtiges Gefühl unſere Gedanken und begräbt dieſelben oder vielleicht richtiger, drückt ſie gleichſam zu Tod in ſeinem Schooße! Etwas Aehnliches fand auch bei Emma ſtatt; aber bei Carl Au⸗ guſts Anrede kam ſie wieder zu ſich ſelbſt.
Es war nicht ihr Stolz, der wiederkehrte. In die⸗ ſem Augenblick konnte ſie nicht ſtolz ſein. Es war etwas, das ſie blos gut und hingebend machte.
„Ja, ja, ich wollte etwas ſagen,“ antwortete ſie; „aber Sie verſtehen mich ja? Ach wie Schade iſt es doch um meinen Bruder! Fortreiſen, wie er, und nie⸗ mals...“
„Niemals? Ich verſtehe Sie, mein Fräulein, nie⸗ mals hoffen zu duͤrfen auf...“
„Und ihr nicht einmal ein Lebewohl ſagen zu dürfen.“
Carl Auguſt erhob ſich heftig. Erſt jetzt ſchien er Hermanns Kummer recht zu verſtehen.
„Ach, mein Fräulein,“ ſagte er,„Hermann möchte alſo gern meine Schweſter noch einmal ſehen?“
Charlotte ſchlug ihre Augen nieder.


