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großes Glück zu erblicken; ich ſelbſt habe wahrlich nicht den Muth, meinen Eltern die Binde von den Augen zu reißen. Möchten die Ereigniſſe dieß allmählig ſo gelind als möglich thun; das iſt mein einziger Wunſch. Wie viel habe ich nicht inzwiſchen während dieſer Zeit gelit⸗ ten! Aber laß uns von etwas anderem ſprechen. Dieſer Gegenſtand ergreift mich gar zu ſehr.“
Um ſeine Gedanken zu verſcheuchen, begab er ſich von Hermann hinweg zu Charlotte. Das hieß jedoch aus der Aſche ins Feuer kommen.
Charlotte ſah von der Arbeit auf, als er ſich auf den Stuhl ihr gegenüber ſetzte.
„Ach Herr Lieutenant,“ ſagte ſie.
Aber ſie ſetzte ihren Satz nicht fort.
Trotz all ihrer Scherzhaftigkeit hatte ſie etwas Be⸗ drückendes auf ihrem Herzen. Das Lächeln auf den Lippen erſtirbt, wenn das Gefühl ſpricht. Obſchon ſie ganz närriſch thun konnte, wenn ſie mit Hermann allein war, ſo war ihr dieß doch nicht möglich, wenn Carl Auguſt ſich zugegen fand. In ſeiner Geſellſchaft war ſie verſtimmt, wenn nicht gerade das Geſpräch ſie mit ſich riß. Die Wehmuth kommt immer mit der Liebe, ſie iſt ihr Schatten, wenn man ſo will. Gleichwohl war es nicht blos die erwachende, wenn auch nicht klar verſtan⸗ dene Sympathie für Carl Auguſt, die eine gewiſſe me⸗ lancholiſche Dämmerung über ihr Inneres verbreitete; auch ihre Ergebenheit gegen Hermann trug dazu bei⸗ deſſen Lage ſie weit mehr ſchmerzte als ſie geſtehen wollte. Ohne daß ſie eigentlich viel davon geſehen hatte, begriff ſie wohl, was in ſeinem Innern vorging; und ihr von ihrer eigenen aufkeimenden Liebe durchbohrtes Herz nahm den innigſten Antheil daran. Für Niemand intereſſirt ſich das ſanfte Frauenherz ſo ſehr als für den⸗
jenigen, der in der Liebe nnglücklich iſt. Er darf im⸗
mer auf ihr Wohlwollen rechnen, und bewußt oder unbe⸗


