Teil eines Werkes 
16. bis 21. Bändchen (1852)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

Was ich ſagen wollte... haben Sie meine Pa⸗ piere geleſen?

Seit unſerer Trennung, antwortete Döring, habe ich Baron Armfelt nicht mehr getroffen, bis eben jetzt.

Nicht? ach, mein Gott, ich danke Dir, daß Du es ſo gefügt haſt, daß ich bei dieſer Gelegenheit zuge⸗ gen ſein kann. So öffnen Sie die Brieftaſche und nehmen Sie die Papiere heraus. Ich fühle, daß ich nur noch wenige Augenbicke uͤbrig habe... wir müſſen ſie benützen.

Die Brieftaſche wurde geöffnet und die Papiere herausgenommen. Vincenz erſuchte Döring, ſie zu leſen.

Heftig klopfte des Juͤnglings Herz. Der Augen⸗ blick war gekommen, wo er das Geheimniß ſeiner Geburt erfahren ſollte. Seine Stimme zitterte, ſie ver⸗ ſagte ihm eine Weile ihren Dienſt. Für ihn war die⸗ ſer Moment der wichtigſte in ſeinem Leben. Es wim⸗ melte vor ſeinen Augen. Tauſend Gedanken kreuzten ſich in ſeiner Seele. Louiſen's Bild ſchaute unter ihnen hervor, wie ein Stern zwiſchen Wolken, wie ein ſchnee⸗ eiſet Schwan, der aus ſchwarzen Wogen auftaucht.

r las.

Das Schreiben malte mit ſtarken Farben die Liebe eines Ungenannten zu ſeiner Frau; ſchließlich eine von ihr begangene Untreue und die darauf erfolgte Che⸗ ſcheidung. Dann wurde mit erhöhter Lebhaftigkeit die Hoffnung der geſchiedenen jungen Frau geſchildert, ein neues Eheband mit ihrem Geliebten zu ſchließen, den ſie wie einen Gott anbetete, und nicht wie einen ge⸗ wöhnlichen Menſchen betrachtete. Ferner ihre Gefühle, als ſie ſich zu der beſchloſſenen Hochzeit vorbereitete... als der Vermählungstag kam,... als ſie ihren Braut⸗ ſchmuck anlegte... als ſie ſich in der Kirche einfand, um getraut zu werden... aber auch als ſie vergebens den Gatten erwartete, dem ſie bereits mit ihrem ganzen Weſen angehörte. 5

7