Teil eines Werkes 
11. bis 15. Bändchen (1852)
Entstehung
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ſichtigte, alles edlen Sinnes entbehrte. Es war in⸗ zwiſchen nicht das erſte Mal, daß die Machtvollkommen⸗ heit den ſchwächeren Theil mit dem Opfer eines neuen Verbrechens Schonung erkaufen läßt. Zwiſchen den wimmelnden Leidenſchaften tauchte nichtsdeſtoweniger ein dunkles Gefühl in ſeinem Herzen auf, das ihn anklagte. Es war die Stimme des Gewiſſens, das im Hinter⸗ grund murrte, ohne ſeinen Vorwurf geradezu und deut⸗ lich auszuſprechen.

Nachdem er ſie gegrüßt hatte, irrte ſein Blick ver⸗ legen umher. Gücklicherweiſe bemerkte er jedoch den offenen Brief.

Sie haben das Schreiben geleſen, mein Fräu⸗ lein, ſagte er, nur um das Geſpräch mit etwas anzu⸗ fangen, und Sie erzürnen ſich nicht darüber, daß ich komme, um Ihre Antwort ſelbſt entgegenzunehmen.

Sie erweiſen mir zu viel Ehre, Ew. Hoheit,

und gleichwohl verſtehe ich Sie nicht recht. In Ihrem!

Briefe neymen Sie ja Abſchied von mir.

Es iſt wahr, mein Fräulein, aber es gibt Um⸗ ſtände, wo man um keinen Preis in der Welt diejenige Perſon verlaſſen will, von welcher man Abſchied nimmt.

Der Herzog fühlte ſich bedrückt durch die Schwierig⸗ keit, zu erklaren, warum er eigentlich gekommen ſei. Je mehr er ſie betrachtete, um ſo verlegener wurde er,

er wünſchte den Stein des Anſtoßes, der ihm im Wege lag, zu entfernen, aber dieſer Stein befand ſich in ſeinen

eigenen Gedanken.

Fräulein Rudenſköld war auch nicht minder genirt,.

aber ſie wollte dem Herzog Zeit laſſen, die Urſache ſeines Beſuches zu erklären. 3

In der That ſelbſt ſtanden Beide bewaffnet einander gegenüber, nur mit dem Unterſchied, daß der Herzog glaubte, der Angriff ſei ſchwerer als die Vertheidigung, während Fräulein Rudenſköld meinte, daß die Verthei⸗ digung ſchwieriger ſei als der Angriff.. Aber am allerwenigſten war der Herzog Diplomat.

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