Teil eines Werkes 
1. Band (1875)
Entstehung
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fahren und Verſuchungen kannte, welche den künftigen Lebens⸗ pfad dieſes von der Liebe der Mutter nicht mehr gehüteten, von ihrer Nähe nicht mehr beſchützten Kindes bedrohten.

Für Herbert war jeder Tag, der ihr noch vergönnt war, gleichſam ein langes Lebewohl. Sogar während der kurzen Pauſe von Schlaf, welche man ihr nur durch Opiate verſchaffen konnte, wich er keinen Angenblick von Roſa's Seite; ſie pflegte ihn zwar dringend zu bitten, er ſolle ſich etwas Ruhe gönnen, und er gab ſich das Anſehen, als ob er ihr gehorche; allein ſchon nach einer kleinen Weile kehrte er heimlich wieder in ihr Zimmer zurück, zählte ihre Athemzüge, ergriff ſanft die zarte, hagere, durchſichtige Hand, die ſie auf der Bettdecke ausſtreckte und legte ſie auf die ſeinige, als ob er ſich einbildete, das volle kräftige Leben, deſſen Strom ſich durch ſeine Adern ergoß, könnte auch ihrem Körper vorübergehend noch Kraft und Energie mittheilen. In jenen Stunden des Leidens und des Mangels an Ruhe und Schlaf, welche die Vorboten der Auflöſung ſind, war es ſein Mund, der ihr die Worte des Lebens, nun ihre liebſte Nahrung, vorlas oder die kräftigſten Gebete aus den beſten Erbauungsbüchern vorſprach; ſeine Hand war es, welche ihr müdes, ſchwaches Haupt ſtützte und die kraftloſe Geſtalt aufrichtete, welche nur in ſeiner Nähe Ruhe zu finden ſchien. Der einzige Fremde, welcher die Stille und Abgeſchloſſenheit dieſer Scheideſcene unterbrach, war der Geiſtliche, welchen Roſa zu ſehen verlangt hatte, und der ſie auf ihre Bitte täg⸗ lich beſuchte. Allein dieſe Stunden ſeiner täglichen Beſuche ausgenommen, waren die beiden Gatten immer allein: Eines bemühte ſich mit einem Glauben, der über das Zeitliche hinaus⸗ reichte, das Andere auf die Ewigkeit vorzubereiten.