Teil eines Werkes 
1. Band (1875)
Entstehung
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höchſten Zärtlichkeit und Liebe und beſchwor ſie zu leben, für ihn zu leben, damit ihr Lächeln wieder ſein Daſein erheitere und in Schilderungen des ſtillen häuslichen Glückes, deſſen ſie ſich nach ihrer Widervereinigung auf ihrem ländlichen Wohnſitz erfreuen dürften!

Roſa weinte, als ſie dieſe Zeilen las, und für eine kleine Weile mochte es ihr hart erſcheinen, daß ſie gerade jetzt eine Welt verlaſſen ſollte, in welcher ihr noch eine ſolch unerwartete Freude zu Theil werden könnte. Ihr ſchwaches Herz, ihr er⸗ löſchender Geiſt ſehnte ſich nach einem längern Aufenthalt unter denjenigen, welche ſie ſo ſehr geliebt hatte. Allein wie die Sonne weit ſtrahlender ſcheint, wenn die verhüllende Wolke von ihr gewichen iſt, ſo enthüllte ſich auch bei ihr um ſo ſchöner die Tiefe ihres Glaubens und die Erhabenheit ihrer Hoffnung, als ſie dieſe letzee Prüfung überwand. Kein Wort des Murrens oder der Klage kam über ihre Lippen, als ſie eingedenk des Ungehorſams und Fehltrittes ihrer früheren Jahre die Ge⸗ rechtigkeit dieſer verdienten Strafe anerkannte. Sie war durch manche Thränen, durch manchen, lang und voll Demuth ge⸗ tragenen Kummer geläutert und heimgeſucht worden, und nun ſie den ſchweren Gang durch das dunkle Todesthal gehen ſollte, fand ſie in ihrem Glauben eine feſte Stütze und in ihrem Er⸗ löſer eines ſtarken Führers hülfreiche Hand. Ja ſelbſt die Sorge um ihren Sohn, die ſo lange an ihrem Herzen genagt hatte, dieſer Kummer, welchen ſie ſogar nicht einmal ihrem Gatten mitgetheilt, war nun von ihr genommen, und ſie war ſeinetwegen ganz ruhig. Sie hatte alle ihre Sorge um das ſchuldloſe, unmündige Kind zu den Füßen Deſſen niedergelegt, der Erbarmen mit dem Seelenſchmerz einer Mutter hat und der, gerührt von dem Gefühl unſerer Schwächen, auch die Ge⸗

Mylius, Für Frauenhand. 1. 25