Teil eines Werkes 
1. Band (1875)
Entstehung
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gefühlt. Es war hart, Dir das zu ſ

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für ihren Gatten und ihr Kind zu beten, wenn Herbert bei ihr ſaß und ſie unterſtützte, wie ſie ſo ihren ſchwachen Arm um ſeinen Nacken ſchlang, und ihre Hand in der ſeinigen haltend, ihr von dem wiederkehrenden Frühling ſprach, wo er ſie auf's Land ſchicken wollte und wo ſie ſich ſchnell wieder erholen werde.

So ging es denn weiter; der Sand in Roſa's Lebensuhr fiel immer tiefer, bis in einer Nacht die lange zurückgehaltene Angſt ihrer Seele die Feſſeln ſprengte und ſie ihm Alles be⸗ kannte. Der Knabe hatte wie gewöhnlich vor ihr gekniet und ſeine ſchlichten, kleinen Gebete hergeſagt, als ſeine Mutter ihn zu ſich heranzog, ihm die reichen Locken von der offenen Stirne ſtrich und mit einer ſehnſüchtigen, ſinnigen und ausdrucksvollen Zärtlichkeit in die großen Augen blickte, als ob ſie in deren Spiegel ihr eigenes Bild unaustilgbar einzubrennen ſtrebte; dann entfuhr ihr plötzlich im bitterſten Kummer der Ausruf: Mein Kind, mein Sohn, wer wird Dich beten lehren, wann ich nicht mehr bei Dir bin!

Bei dieſen Worten, dieſem Aufſchrei einer kummerge⸗ preßten Seele, ſprang Herbert zu ihr hin und bedeckte ſein Ge⸗ ſicht mit den Händen, während ſeine Bruſt unter convulſiviſchem Schluchzen arbeitete..

O Herbert! rief Roſa, als ihre bebenden Hände ihn zu ſich zu ziehen ſuchten,vergib mir dieſe Thränen, dieſen Kum⸗ mer, welchen ich Dir ſoeben bereitet habe. Allein es geht mit mir zu Ende, mein Lieber! ich habe es ſchon lange gewußt und

ſagen; es war hart, es ſo⸗ gar mir ſelbſt zu geſtehen, nun mich zuweilen bedünkt, das Leben könnte für uns wieder ſo geſegnet ſein. Und doch iſt es beſſer ſo; wir haben nun keinerlei Geheimniſſe mehr vor einander; wir wiſſen, daß wir uns trennen müſſen. Allein ich bitte Dich