Teil eines Werkes 
1. Band (1875)
Entstehung
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Leben hätte den Rücken kehren ſehen, um ſich in den Wirbel der Weltfreuden zu ſtürzen und ſeine beſten Kräfte an die herz⸗ loſe, ſpöttiſche Welt und ihre Götzen zu vergeuden. Und doch hatte ſie ihm nicht nur Alles vergeben, ſondern beinahe ver⸗ geſſen! Sie begrüßte auf's Neue die ſo ſpät wieder erwachte Zärtlichkeit ohne irgend einen Vorwurf oder einen Rückblick auf die Vergangenheit; ſeine früheren Jahre der Kälte und des Irrthums waren zwiſchen ihnen beiden ein verſiegeltes Buch, denn in ihrer großen, mitleidsvollen und vergebenden Liebe enthielt ſie ſich jeder Anſpielung auf das, was ſie erlitten hatte, um damit nicht ſeine Selbſtanklagen noch zu ſteigern und zu verbittern!

Eine große, ſtillſchweigende, heimliche Veränderung war übrigens ſchon ſeit einiger Zeit in Roſa vor ſich gegangen. In der Schule der Trübſal waren die religiöſen Eindrücke ih⸗ rer Jugend wieder belebt worden, und da ſie, wie ſo viele An⸗ dere, ſich in ihren Erwartungen auf die Welt getäuſcht ſah, ſo hatte ſie ſich zu Dem gewendet, welcher die Mühſeligen und Beladenen eingeladen hat, zu ihm zu kommen und Troſt bei ihm zu ſuchen. Am Fuße des Kreuzes hatte ſie endlich den⸗ jenigen Frieden gefunden, welchen ſie ſonſt überall vergebens geſucht hatte. Sie ſah nun in Allem, was ſie in ihrer Ehe er⸗ lebt hatte, nur eine gerechte Züchtigung und Strafe für den Ungehorſam gegen ihren Vater und die Auflehnung wider die väterliche Autorität, und die Gleichgültigkeit ihres Gatten ge⸗ gen ſie erſchien ihr nun blos als der verdiente Lohn für die abgöttiſche Verehrung, welche ſie Herbert früher gezollt, den ſie über alles Andere in der Welt geſtellt hatte. So mußte ſie denn bei ihrem jetzigen Gemüthszuſtande ſich ganz beſonders gedrungen fühlen, in der Stille ihres Herzens unaufhörlich