Teil eines Werkes 
1. Band (1875)
Entstehung
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daher, daß ich keinen ernſten, feſten, überzeugenden Glauben habe. Meine Seele iſt gebrochen und niedergeſchlagen, und obſchon ich und zwar ernſtlich bete, ſo zittere ich doch während meines Gebets. Hans iſt ſo leidenſchaftlich, ſo ſtolz, ſo liebevoll und empfänglich, und ſein Vater verdeht ſich ſo wenig darauf, ihn zu behandeln. Dazu iſt Herbert noch jung und kann wieder heirathen, und wenn dann eine Fremde hart und ungerecht wäre gegen Hans ach mein Kind, mein armes, unglückliches Kind!

Hier ſchwand ihre Faſſung und ſie brach in ein bitteres Weinen aus; allein ſie hatte keine Gelegenheit, mehr zu ſagen, denn man hörte bereits Herbert's Schritte herannahen, und Dr. Wyß wußte, daß die Trennungsſtunde für ihn nun ge⸗ kommen war. Er beugte ſich mit unſäglichem Mitleid und Zärtlichkeit über die Kranke, ſagte ihr Lebewohl und ging mit dem Bewußtſein, daß er dieſes ſanfte, liebe Geſicht auf Erden nicht mehr wiederſehen werde.

Es war ein fürchterlicher, ſchmerzhafter Verluſt für Her⸗ bert, als der Doctor fort war. Er hatte keine Seele, der er ſein Herz öffnen, gegen welche er die unbeſchreibliche Bitterkeit ſeines Schmerzes ausſchütten konnte. Die heiteren Bekannten und Kameraden aus ſeinem geſelligen Kreiſe, die Genoſſen jener Stunden rauſchender Vergnügungen, an welche er in ſeiner jetzigen Gemüthsverfaſſung nur mit der tiefſten Weh⸗ muth und Reue zurückzudenken vermochte, hielten ſich alle in dieſer ſchweren Prüfungsſtunde ferne von ihm. Allein er ach⸗ tete ihrer Abweſenheit nicht, denn ihr Umgang hatte keinen Reiz mehr für ihn. Sie hätten doch kein Mitgefühl für ſein Unglück gehabt, und in der düſtern Stimmung, worin er ſich befand, wäre ihm ihr Erſcheinen in der Nähe einer ſolchen,