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beigezogen, dem er bei ſeiner Abreiſe die Behandlung Roſa's übertrug. Dem neuen Arzte ward daſſelbe Syſtem von Vor⸗ ſicht und die Nothwendigkeit, die Kranke bei gutem Muthe und reger Hoffnung zu erhalten, zur Pflicht gemacht— eine Liſt, welche zwar von den Aerzten freundlich gemeint ſein mag, aber durchaus nicht zu vertheidigen iſt— ſo zwar, daß dem armen Gatten einerſeits jede Hoffnung benommen ward, auf Roſa's Wiedergeneſung zu hoffen, er aber anderſeits gezwungen ward, ihr gegenüber die armſelige Täuſchung aufrecht zu erhalten, als ob er an ihre Rettung glaube.
Als Dr. Wyß ſich von Roſa verabſchiedete, hatte er ſo viel Selbſtbeherrſchung, daß er eine heitere Miene und einen muntern, feſten Ton der Stimme bewahren konnte, während Herbert, von ſeinen Gefühlen übermannt, raſch aus dem Zim⸗ mer geſtürzt war. In dieſer halben Viertelſtunde nun, wo Roſa mit dem Doctor unter vier Augen ſprechen konnte, be⸗ händigte ſie ihm einen Brief mit der inſtändigen Bitte, den⸗ ſelben ihrem Vater zuzuſenden. Sie erzählte ihm, daß ſie den⸗ ſelben in der erſten Nacht nach ſeiner Ankunft angefangen und daran in verſchiedenen Pauſen weitergeſchrieben habe, je nach⸗ dem es ihre Kraft und die Gelegenheiten erlaubten, wo ſie es ungeſehen von Herbert thun konnte.
„Ich habe den Brief meinem Gatten nicht gezeigt,“ ſetzte ſie hinzu,„weil ich ihn nicht auf den Gedanken bringen wollte, als ob ich ſelber an meinem Aufkommen verzweifelte. Allein ich konnte nicht länger damit warten; hätte ich noch mehr ſäumen wollen, wer weiß, ob ich es noch im Stande geweſen wäre!— Lieber Freund, ich bitte Sie herzlich, ſuchen Sie für mich die Verzeihung meines Vaters zu gewinnen! Sprechen Sie ihn, wenn es Ihnen möglich iſt, und ſagen Sie ihm, wie
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