366
kehrt und Dr. Wyß richtete noch mehrere Erkundigungen über ihren Zuſtand an Roſa, welche ſie ſchüchtern und mit ſchwacher
Stimme beantwortete; denn nun die erſte Aufregung durch ſeine Gegenwart vorüber war, fühlte ſie ſich zu jeder weitern Anſtrengung unfähig, und vermochte ihm ihren wahren Zu⸗ ſtand nicht mehr zu verhehlen. Kraftlos ſank ſie in ihren Lehn⸗ ſtuhl zurück, mit halbgeſchloſſenen Augen, während der Doctor ihre dünne weiße Hand hielt und ihr den unſtäten Puls fühlte. Einige Minuten lang ſaß er ganz in Gedanken verſunken, dann ſtand er plötzlich auf, fragte beſorgt, wo Herbert ſei und zu welcher Zeit er zurückkehren werde. Roſa nannte ihm das Haus, worin der Ball ſtattfand, zögerte aber, ſeine zweite Frage zu beantworten. Er bemerkte ihre Verlegenheit und gab dem Geſpräche eine andere Richtung.— —„Ich werde morgen wieder bei Ihnen vorſprechen, Roſa, und auch Herbert beſuchen; ich will Sie ärztlich behandeln, ſo lange ich hier bleibe. Allein die erſte Bedingung, welche ich Ihnen ſtelle, iſt unbedingter Gehorſam. Der kleine Knabe muß noch heute Nacht in ein anderes Zimmer geſchafft werden!“ „Aber ich verſichere Sie, lieber Doctor, er ſtört mich nicht im mindeſten!“ —„Sein Sie doch vernünftig, liebe Roſa! Iſt denn nicht der Fall denkbar, daß Sie ihm Schaden zufügen?...“ Ein plötzlicher Argwohn zuckte in ihr auf und ſie blickte ihm forſchend in's Geſicht. Es war eine jener ſtummen Bitten oder Fragen, welche einem Arzt das Herz zuſammenſchnüren, und denen man nur in Folge langjähriger Selbſtbeherrſchung einen gewiſſen Gleichmuth entgegenſetzen kann. —„Erſchrecken Sie nicht unnöthig, meine Liebe!“ ſagte er beinahe fröhlich zu ihr;„ich meine nur, der Knabe könnte


