Teil eines Werkes 
1. Band (1875)
Entstehung
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Abendbeſuche von Fremden waren ſehr ſeltene Erſchei⸗ nungen in Roſa's ſtiller Wohnung; darum überraſchte es ſie nicht wenig, daß an dem Abend jenes Tages, etwa um neun Uhr, ein Herr ſie zu ſprechen verlangte. Sie lag gerade wie⸗ der auf dem Sopha, die arme, enttäuſchte Frau; ſie hatte ih⸗ ren Knaben eingeſchläfert und an ſeinem Bette geweint und gebetet, und ruhte nun, ganz erſchöpft und müde, auf dem Sopha aus ſo heruntergeſtimmt, daß ſie nur mühſam die Hand nach der Viſitenkarte ausſtrecken konnte, welche ihr der ſpäte Beſucher hereingeſchickt hatte.

Doctor Wyß?! rief ſie nun überraſcht, ſprang auf und eilte nach der Thüre, um ihn willkommen zu heißen.

Der freundliche alte Herr kam ihr mit vorgeſtreckten Hän⸗ den entgegen, und ſein Geſicht ſtrahlte vor Freude; allein plötz⸗ lich trat er zurück und hielt zögernd inne, ſichtlich unſicher und ungewiß über die Identität der Perſon, die er anredete.

Die kleine, hagere, ſchattenhafte Frau in tiefer Trauer⸗ kleidung, die eingeſunkene Geſtalt, das abgehärmte Geſicht mit den beinahe durchſichtigen Zügen, und der fieberiſche Glanz des tief eingeſunkenen Auges, welcher durch die plötzliche Röthe der Ueberraſchung und Aufregung auf den hohlen Wangen noch mehr hervorgerufen wurde, dies Alles zuſammen mußte ihn billig zweifeln laſſen, ob er in dieſen Trümmern die einſt ſo holde, anmuthige Roſa Vierland wieder erkennen ſolle und könne.

Lieber Doctor, kennen Sie mich denn nicht mehr? fragte ſie ihn, und es war noch immer dieſelbe ſüße Stimme wie ehedem.Haben Sie Ihren alten Liebling Roſa ver⸗ geſſen?