Teil eines Werkes 
1. Band (1875)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

3641

heute beinahe zum erſten Mal ſeine Weiſung vergeſſen ge⸗ habt; allein ſie hörte demüthig ſein Zanken und Schelten an und verſprach, es ſolle nie wieder ein ſolches Verſehen vor⸗ kommen. Mittlerweile hatte Hans, welcher an des Vaters An⸗ kleidetiſch ſpielte, unbemerkt deſſen Brieftaſche zur Hand ge⸗ nommen und geöffnet und die darin enthaltenen Papiere her⸗ ausgezogen. Als ein kleines Billet neben Roſa's Füßen auf den Boden fiel, hob das Kind daſſelbe auf und legte es der Mutter auf das Knie; gerade in dieſem Augenblicke aber be⸗ merkte Herbert, was der argloſe, kleine Schelm unabſichtlich gefrevelt hatte. Mit Gedankenſchnelle ſprang er vorwärts, riß das Briefchen an ſich und ſchlug in ſeinem Zorn den Knaben heftig. Dies Alles hatte zwar nur einen Augenblick gewährt, allein Roſa hatte das Billet doch geſehen; das Blut ſtieg ihr in die Schläfe empor und ein wilder Schmerz von tödtlichem Schrecken zuckte ihr durch das Herz, als ſie die verdächtige Haſt bemerkte, womit ihr Gatte jenes bedeutſame Briefchen an ſich riß und verbarg.

Auch dieß noch?! ſtammelte ſie kaum hörbar, und ſank in die Kiſſen zurück. Alle ihre früheren Leiden und Kümmer⸗ niſſe erſchienen ihr nun unbedeutend im Vergleich mit ihrem jetzigen Unglück. Sie enthielt ſich jedoch aller lauten Aeuße⸗ rung hierüber, und hob nur ruhig das Kind auf, welches vor Schmerz und Schreck krampfhaft ſchluchzend ſich zu ihr geflüch⸗ tet, an ſie geſchmiegt und ſein Geſicht in ihren Schoos verbor⸗ gen hatte. Dann nahm ſie, mit einem unbeſchreiblich ſchmerz⸗ lichen, kummervollen Blicke auf Herbert, den Knaben an der Hand und führte ihn aus dem Zimmer. Als ſie wieder zurück⸗ kehrte, war Herbert fortgegangen.