63²
— Das iſt, meinten Andere, zum Mindeſten eine Unart, wofür ihn die Kaiſerin, wenn wir uns nicht in ihr täuſchen, früher oder ſpäter ſchwer büßen laſſen
wird.
Plötzlich kam Subow zum zweiten Mal zurück... er wechſelte wieder einige Worte mit der Kaiſerin und dann verſchwand er ebenſo haſtig von Neuem.
Zwei Stunden waren bereits vergangen.
Alexandra verſuchte zu lächeln, aber eine Thräne ſickerte über ihre Wange hinab. Sie wußte noch nicht, was ſich ereignete, aber ihre Lage wurde dadurch nur um ſo beängſtigender. Früher hatte ſie an ihrem Glück gezweifelt; jetzt zweifelte ſie an ihrem Unglück. War es wohl denkbar, daß Guſtav Adolph ſo weit hatte ge⸗ hen und noch im letzten Augenblick ſeine Geſinnung hatte verändern können? Unmöglich. Er war aller⸗ dings noch ein zarter Jüngling, aber vermöge ſeines Ernſtes war er ja bereits ein Mann, und in ſeiner Liebe... hatte ſie doch ſo viele Beweiſe davon geſehen .. in ſeiner Liebe war er Jüngling und Mann zu⸗ gleich, Jüngling vermöge ſeiner Wärme, Mann vermoͤge ſeiner Treue.
Aber mit jedem Augenblick, um den ſich die Er⸗ ſcheinung des Königs verzögerte, nahm ihre Angſt zu.
Immer haſtiger hämmerten die Pulſe in ihren Schläfen, immer heftiger pochte es in ihrem Herzen.
Aus dem dunkeln Schatten, der ſich um ſie zu ſammeln begann, ſtiegen ſchwarze Geſtalten auf, dro⸗ hend und höoöͤhniſch.
Was wollten ſie?
Marternd zerfleiſchten ſie ihre Bruſt, quälten ihre Seele, höhnten ihre Liebe.
Auf einmal war es ihr, als riefen ſie ihr einen Namen zu. Unwillkürlich fuhr ſie zuſammen und blickte entſetzt um ſich. Marfa! ertönte es in ihrer Seele; Marfa! ertönte es in ihrem Herzen. Der Beſuch in Strelna trat ihr jetzt ſo lebhaft vor die Augen.
————⁰——-—V——


